Typisch Isländisch? (Bildmontage: Levin Geser)

Kulturschock: Island

07.01.2025, Autor: Levin Geser

Weiter geht’s! Nun befinden wir uns im nördlichsten gelegenen Land Europas. Ein Inselstaat, der streng genommen auch geografisch in Amerika liegt. Es handelt sich um die Vulkaninsel Island – auch die Insel von Feuer und Eis genannt. Was die Isländer gerne machen, ist das Sagen-Lesen. Wir beschäftigen uns heute genau damit.

Was gibt es Schöneres, als an einem kalten Wintertag um den Kamin zu sitzen und sich Geschichten zu erzählen. Man ist in der Decke eingekuschelt und mit einem heissen Kakao in der Hand, hört man gespannt der Geschichte zu. Die Isländer*innen verstehen das Sagas-Erzählen sogar als eine Kunstform – genauer gesagt: die Isländersagas.

Wichtiges Kulturgut

Die Isländersagas (Íslendingasögur) sind als zentrale Werke der isländischen Literaturgeschichte zu verstehen. Sie gehören inhaltlich zur Gattung der altnordischen Literatur. Es gibt etwa 40 grössere Werke und eine Anzahl an kleineren Prosa-Stücken (Þáttr), die auch den Isländersagas angehören. Hauptsächlich unterscheiden sich die Þáttr und die Sagen darin, dass die Þáttr einen einfacheren Aufbau in der Satzstruktur aufweisen.

Die Inselbewohner*innen sind stolz auf ihre Sagas und können sich für gute Geschichten schnell begeistern. Die Íslendingasögur zählen zu den bedeutendsten Kunstwerken Islands und werden als ein selbstständiges und „rein-isländisches“ Kulturgut angesehen. Das Alter der Geschichten ist schwer zu ermitteln, da die Sagas lange nur mündlich weitergegeben wurden. Viele gehen aber davon aus, dass die meisten Sagas aus einer Zeit zwischen 930 und 1030 nach Christus stammen. Diese Zeit wird auch als die „Sagazeit“ bezeichnet.

Die ersten Erzählungen wurden ca. 200 Jahre nach den ersten Wiedergaben niedergeschrieben. Sie wurden auf Isländisch verfasst und auf Kalbshaut transkribiert. In grossen Teilen Europas wurde hingegen wertvolles Pergament verwendet. Legenden besagen, dass gewisse Schriftstücke verloren gingen, da man in Zeiten von Hunger womöglich die Kalbshaut verzehrte.

Inhalt und Stil

Inhaltlich geht es in den Sagas vor allem um realistische Ereignisse, ohne Erwähnung von z.B. Fabelwesen oder Übernatürlichem. Die Anzahl Protagonist*innen variiert ebenfalls stark – zwischen einem Dutzend bis zu 600 werden gezählt, je nach Saga. Die meisten Sagas handeln vom harten Alltag im mittelalterlichen Island und auch die Frauen spielen oftmals eine tragende Rolle im Inhalt der Geschichten. Häufig werden in den Sagas Orte und Denkmäler beschrieben, die man auch heute noch auf Island finden kann. Einheimische, wie auch Tourist*innen, können gewissen Sagas mithilfe der SagaMap folgen – auch spezielle Touren, um auf die Spuren der Erzählungen zu gehen, werden angeboten.

Auch wenn die Sagas wahr erscheinen können, weisen sie auch einen Hand zur Übertreibung auf. Man geht davon aus, dass man Übertreibungen und Lügen platziert hat, um die Geschichten ansehnlicher und unterhaltender zu gestalten. Ein isländisches Sprichwort besagt: „Eine gute Geschichte sollte niemals unter der Wahrheit leiden.“ Die Chancen stehen also gut, dass Egill in seiner Saga nicht drei Jahre alt war, als er mit einem Bier in der Hand auf einem Pferd ritt.

Ein Abbild von Egill aus seiner Saga (Bild: wikipedia.com)

Stilistisch zeichnen sich die Íslendingasögur vor allem durch den Gebrauch der direkten Rede aus. Sonst weisen sie keine einheitliche Struktur auf. Ausser dem Prolog zur Einleitung, ergeben sich kaum Szenen, die nicht mit der Haupthandlung verknüpft sind. Gelegentlich wird die Haupthandlung aber überlagert, durch einzelne Extra-Episoden, was sie schwerer erkennbar macht.

Was ist eine Saga?

Eine Saga bedeutet übersetzt „Geschichte“ und ist speziell auf nordische Literatur begrenzt. Sie sind eine Art Untergruppe der Erzählungen aber weisen historische Elemente auf. Das Gegenstück der Saga wäre ein Mythos. Mythen werden auch mündlich übermittelt, erzählen aber von übernatürlichen Ereignissen, Göttern, kosmischen Kräften und Fragen der Existenz.

Durch die sprachliche Übermittlung sind so auch die Autor*innen der Sagas unbekannt. Bis auf einen Autor konnte man keine anderen Schriftsteller*innen den Geschichten zu weisen.

Die Bedeutung heute

Auch heute haben in Island Schriftsteller*innen noch einen hohen Stellenwert. In keinem anderen Land der Welt wird, auf die Einwohnerzahl gerechnet, so viel gelesen und geschrieben wie auf der Vulkaninsel. Durch die Island-Sagas lernt man vieles über die Geschichte Islands, speziell zu den mittelalterlichen Zeiten. Teils wird auch Amerika erwähnt – was wiederum ein Beweis dafür ist, dass die Wikinger vor Columbus in Amerika waren.

Einiger der Protagonist*innen der Sagas werden heute auch noch als Nationalheld*innen erachtet. Die Saga von «Njáls» ist heute das wohl beliebteste Schriftstück der Isländer*innen. Beispielsweise ziert der Spruch aus der Saga: „Mit Gesetzen erbaut man ein Land“ die Polizeiautos in Island.

Kurz zusammengefasst geht es in der Saga um die unzertrennlichen Freunde Gunnar und Njáls. Gunnar heiratet jedoch eine Frau, die einen Keil in die Freundschaft der beiden Männer treibt. Die Familien fangen sich an zu verfeinden. Dies führt so weit, dass das Haus von Njáls abbrennt und der Protagonist in den Flammen als Held stirbt. Die Saga ist eine Parabel dafür, wie zerstörerisch Familienstreitigkeiten enden können.

Die Íslendingasögur sind also mehr als historische Erzählungen – sie sind ein lebendiges Kulturgut, das die isländische Identität prägt. Sie erinnern uns daran, dass eine gute Geschichte nicht von Fakten lebt, sondern von ihrem Zauber.

Island auf der Europakarte (dunkelgrün) – in hellgrün die Länder, die bereits abgehandelt wurden (Bild generiert via Mapchart.com)

Steckbrief zu Island:



                        • Hauptstadt: Reykjavík
                        • Landessprachen: Isländisch
                        • Einwohnerzahl: 396’960 (Stand: 2023)
                        • Währung: Isländische Krone
                        • Special Fact: Auf Island gibt es keine Stripclubs, keine Mücken und keine McDonalds
                          -Filialen. Letzteres gab es bis 2009. Das letzte, in Island verkaufe McDonalds-Menu ist
                          im Snotra House, einem Hostel, zu sehen – auch im Livestream.